Endlich. Nach monatelangen Vorbereitungen war der Abend der Tübinale 2016 – Motto: „Medienkonvergenz und Partizipation“ – gekommen. Frauen und Männer in Abendgarderobe stürmten, nein verstopften gegen 18 Uhr das Foyer des Kino Museum, als gäbe es etwas umsonst. Gab es tatsächlich auch. Als sich rumsprach, dass die Ofterdinger Getränkefirma „Hörrmann & Zaunbrecher“ ihre „Tantrum Energy Lemonade“ kostenfrei zur Verfügung stellte, wurden die herumstehenden Miniaturkühlschränke regelrecht zerfleddert. Währenddessen wärmte ich eine grüne Dose in meiner Hand, fragte mich, was eine „Energy Lemonade“ ist, und ob ich den Namen „Tantrum“ nicht schon mal irgendwo gehört hatte. „Das ist eine Anspielung auf How I Met Your Mother“, erlöste mich Moritz vom Team Radio. Mein Gesicht versuchte zu sagen: „Wusste ich’s doch“, mein Mund verriet: „Ich erinnere mich überhaupt nicht an diese Folge“, mein Kopf dachte: „Gute Idee, das. Immerhin geht es ja heute um Medienkonvergenz.“ Und so fühlte ich mich relativ intellektuell, als ich das Zeug mit einem Zug in meinem Rachen verschwinden ließ – war es aber vermutlich nicht.

Dann, um 18 Uhr 30, wurden die Türen des Saales geöffnet und die Jagd auf die Klappsessel begann. Popcorngeruch machte sich breit und die, die zum Rauchen, oder weil sie einfach nur der Enge entkommen wollten, nach draußen geflohen waren, strömten wieder ins Innere. Ein Mitarbeiter des traditionsreichen Tübinger Lichtspielhauses erzählte mir später bei einem Bier, dass wir uns den ganzen Abend über im größten Kinosaal Süddeutschlands aufgehalten hatten. „624 Plätze – und dass der mal voll ist, das erlebt man echt selten“. Aber es ist ja auch nicht immer Tübinale.

Tübinale 2016: Der Saal

Tübinale 2016: Der Saal

Ist die Presse schon info… äh, involviert?

Zu dem Zeitpunkt, als die Leute auf der Suche nach einem Platz durch die Reihen irrten, stand ich in einem kleinen Raum auf der falschen Seite der Leinwand, in der Hand ein Mikrofon und im Kopf die Aufgabe, gleich die Moderatorinnen und Moderatoren anzukündigen. Durch den Vorhang, der Bühne und Leinwand noch vor den erwartungsvollen Blicken schützte, konnte man das Treiben im Zuschauerraum erahnen. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Ritter, der im Burghof steht, während die belagernden Truppen vor den Mauern lautstark anrücken. Dann wurde es plötzlich dunkel. Ein Film lief. Ein Film, der im Stil Chaplin-Streifens zeigte, wie schwierig es für die Moderatorinnen und Moderatoren anscheinend gewesen war, das Kino rechtzeitig zu erreichen, um zur vereinbarten Zeit neben mir hinter dem Vorhang stehen zu können. „Meine Damen und Herren, begrüßen sie bitte mit einem rieeeeeeeeeesigen Applaus“ – der Rest ging in einem rieeeeeeeeeesigen Applaus unter. Deshalb an dieser Stelle nochmal die Namen derer, die uns nach dem rieeeeeeeeeesigen Applaus durch den Abend führten: Maren Pommerening, Tamara Berger und Paul David Bittner. Jetzt darf geklatscht werden.

Mit einer Flasche Vollmondbier (fragt nicht) bewaffnet, ließ ich mich in den Sessel plumpsen. Das Ploppen des Bügelverschlusses eröffnete den ersten Film, #Lebenszeichen von „IJK displaced alphabet movies“. Grundidee: Der Akku des Smartphones entspricht der Lebenskraft-Anzeige eines Menschen (Rollenspieler wissen, was ich meine), der ohne sein Smartphone nicht mehr zurechtkommt, und, so viel sei verraten, natürlich zwangsläufig sterben muss, wenn seiner digitalen Krücke der Saft ausgeht. Es kam sogar ein Rettungshubschrauber vor. Was mich jedoch am meisten verblüffte, war die Qualität der Bilder – und auch die folgenden Beiträge zeigten, dass sich diesbezüglich seit letztem Jahr Einiges getan hatte. Ehrfürchtig erstarrt angesichts des Könnens meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen, sank ich in das flauschige Rot meiner Sitzgelegenheit und nippte an meinem esoterischen Getränk.

Tübinale 2016: Die Moderatoren

Tübinale 2016: Die Moderatoren

Volle Konvergenz voraus!

Grumpy Cat, Kant, Hitler. Alles kam vor, alles wurde zitiert. Die Agenten aus Matrix hatten ihren Auftritt, ebenso wie eine abgewandelte Stromberg-Figur, und am Schneidetisch ließ sich ein Team so deutlich von den Filmen eines Edgar Wright (Shaun oft he Dead, Hot Fuzz) inspirieren, dass man nur von einer Hommage sprechen kann. Es gab politische Kommentare, die mit Bildern aus dem Dritten Reich unterlegt waren (1000), düstere Prognosen für die kommenden Jahrzehnte (Dystopie, Zukunftsunterhaltung), interessante Ideen für moderne Partnersuche (Amor) und sogar einen Horrorfilm (Follower) zu bestaunen. Facebook-CEO Mark Zuckerberg aka Mark „The Sucker“ Berg machte sich im Wilden Westen unbeliebt (The Wild Wild Network) und das Team von „Panamount Pictures“ hatte, wie sie im Interview verrieten, aus Partizipation kurzerhand „Party-Zipation“ gemacht, erzählte aber eine der schönsten Liebesgeschichten des Abends (Stillstand). Insgesamt ließen sich folgende Trends ausmachen: Die Bilder waren, wie gesagt, größtenteils von höchster Qualität, wobei auffiel, dass die besten Geschichten gerade von jenen Filmteams erzählt wurden, auf deren Beiträge das eben nicht zutraf. Außerdem gab es kaum Dialoge – fast alle Filme arbeiteten mit einer Erzählstimme aus dem Off, einem sogenannten Voice-over.

So auch der Siegerfilm. Als zum ersten Mal Nexus von „AMK“ über die Leinwand flimmerte, war glaube ich allen Anwesenden klar, dass dieser Beitrag den Wettbewerb gewinnen würde. Vielleicht wegen der professionellen Sprecherin, wegen dem Text, der in englischer Sprache verfasst war (weil auf Englisch alles besser klingt) oder den hochauflösenden Bildern, die noch hochauflösender waren, als die hochauflösenden Bilder der anderen. Mir hat er bei der ersten Vorführung überhaupt nicht gefallen. Das lag an den hellen, weichen Bildern, dem Piano-Score, den vielen schönen Menschen, sprich: An der Werbefilm-Ästhetik. „Das sieht aus wie ein Spot für ‚Eduscho‘“, raune ich meinem Nachbarn ungefragt zu. Man merkt wahrscheinlich, dass ich seit Jahren keinen Fernseher mehr besitze. Gibt es „Eduscho“ überhaupt noch? Wenn nicht, dann eben „Dallmayr prodomo“. Jetzt kam es aber so, dass die Studentinnen und Studenten, die sich diesen Film haben einfallen lassen, im Interview so grundsympathisch rüberkamen, dass ich mich wegen meines Kommentares etwas schlecht fühlte, und mir noch ein Vollmondbier kaufen ging, als könnte ich mich in der Flasche vor meinem einsetzenden Schamgefühl verstecken.

Tübinale 2016: Die Gewinner

Tübinale 2016: Die Gewinner

… and the Stocherkahn goes to …

Pause. Jetzt wurde es ernst. Die Jury hatte zwar bereits im Vorfeld den Gewinnerfilm bestimmt, aber spannend blieb es dennoch, denn es war noch ein Publikumspreis zu vergeben. Nun habe ich zwar schon beinahe vorweggenommen, wie das ausging, aber für die, denen das entgangen sein sollte: Nexus wurde natürlich Sieger der Herzen. Und wie man das auf großen Filmfestivals eben so handhabt, wurde der Beitrag im Anschluss an Händeschütteln und Preisübergabe gleich nochmal gezeigt. Und plötzlich wurde ich zum Fan. Vielleicht lag es am Bier, vielleicht am Team, vielleicht nötigte mir das handwerkliche Geschickt der Macher einfach jetzt erst den Respekt ab, den ich mir schon beim ersten Durchlauf hätte abringen lassen sollen – egal. Lang lebe „AMK“! Und ein Blick auf die Uhr verriet mir: Ich ging trotz anfänglicher Skepsis immer noch als Fan der ersten Stunde durch.

Am Ende gewann Nexus auch noch den Jury-Preis und alles löste sich in sektgetränktem Wohlgefallen auf. Erfreulicherweise bekleideten dahinter The Wild Wild Network und Amor die Ränge Zwei und Drei, meiner Meinung nach die kreativsten Beiträge mit den besten Drehbüchern des Abends, in jedem Fall aber die mit den meisten diegetischen Mono- und Dialogen und der niedrigsten Bildqualität. Womit mal wieder bewiesen wäre: Es gibt kein Rezept für gute Filme, letztendlich geht es nur darum, dass man dabei Spaß hat. Im Idealfall sowohl vor, als auch hinter der Kamera.

Text von Alexander Roth. Bilder von Vassilena Terzyiska, Jaqueline Kärcher und Andrea Spiegel