„An meinen Platz in der Jury bin ich durch eine nette Einladung von Klaus Sachs-Hombach gekommen“, erzählt Stephen Lowry. Genau wie dieser kommt auch Lowry eher aus der theoretischen Richtung: Er wurde in Kalifornien geboren und studierte in den USA Germanistik, lebt aber inzwischen schon seit 1979 in Deutschland. In Bremen schrieb er seine Doktorarbeit über die Ideologie im Unterhaltungsfilm der NS-Zeit. Seit 2000 ist er Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart und setzt sich dort vor allem mit filmwissenschaftlichen Themen auseinander.

Auch in seiner Freizeit schaut er viele Filme, wobei er es schwer findet, Arbeit und Unterhaltung zu trennen. Bis auf Horror- und langweilige Actionfilme mag Lowry alle möglichen Genres: „Lieblingsfilme? – so ungefähr die Sight & Sound Top 100.“

Infolgedessen interessiert er sich auch für das diesjährige Thema der Tübinale, Medienkovergenz und Partizipation, sowohl aus wissenschaftlicher, als auch aus gesellschaftlicher Blickrichtung: „Das sind beides Stichworte, die Henry Jenkins mit geprägt hat, um die neuere Entwicklung der Medien zu erklären. Er betont dabei insbesondere die aktive Rolle von Fans, Nutzern und dem Publikum im Allgemeinen. Angesichts der Macht, die großen Firmen wie Facebook, Google und Co. bekommen, wäre ich etwas skeptischer, ob diese Entwicklungen immer so progressiv sind. Jedoch bezeichnen sie sicherlich laufende Entwicklungen, die zurzeit den Alltag und die Gesellschaft entscheidend verändern“, sagt Lowry. Ob die Teilnehmer ihren Fokus auf ähnliche Aspekte legen, wird sich am 9. Mai zeigen.

Vor dem Aufwand der teilnehmenden Teams hat der Professor großen Respekt. Er sieht es als große Herausforderung, als Anfänger ein komplettes Filmprojekt zu stemmen. Denn schließlich müssen die Studenten eine Idee entwickeln, den Umgang mit dem Equipment lernen, sich die formalen Elemente wie Technik und Montage aneignen und schließlich all das in einem fertigen Produkt realisieren.

Dabei sind für Lowry sowohl Inhalt als auch technische Umsetzung von Bedeutung. „Oft heißt es ‚Content is king‘, aber die Geschichte oder der Inhalt ist nicht von der Art der Erzählung oder der visuellen Gestaltung zu trennen. Kreativität ist schon eine Form von Qualität. Technik ist Mittel zum Zweck und soll passend eingesetzt werden. Technische Perfektion wäre im „Blair Witch Projekt“ störend, schlecht ausgeleuchtete Bilder in einem Film, der eine ausgeprägt ästhetische Stimmung erzeugen will, allerdings ebenso“, stellt er klar. Schlussendlich muss eben vor allem das Gesamtbild überzeugend sein.

von Andreas Blumberg