Also manchmal, da kommt´s mir so vor, als wär ich wie….ferngesteuert. Wirklich! So als gäbe es da etwas oder jemand, der mir Vorgaben macht – der mich in eine Richtung drängen will.

Das erzählt die Kellnerin des Tübinger Unkels aus dem Off, während sie das Restaurant für die Gäste vorbereitet. Bei jeder Handlung, sei es beim Tische Abwischen oder beim Entstuhlen, erscheinen kleine Symbole und Pfeiltasten, welche die Bewegungen vorzugeben scheinen. Sofort fragt sich der Zuschauer selbst: „Ist sie ferngesteuert? Bin ich selbst womöglich auch ferngesteuert?“

Als eine blonde Frau ihre Handtasche vergisst, beginnt die eigentliche Handlung. Ein aufleuchtendes Ausrufezeichen zieht die Aufmerksamkeit der Kellnerin auf die fremde Tasche: Reinschauen oder nicht? Ans klingelnde Handy gehen oder es sein lassen? Es ist die Besitzerin, die sich nach ihrer Tasche erkundigt und der Kellnerin erlaubt, sie bis zu Abholung an sich zu nehmen.

Diese findet in der Tasche einen Batzen Geld, und es erscheinen drei Möglichkeiten, wie sie handeln könnte. Zunächst entscheidet sich die Kellnerin für die moralisch Richtige: Sie bewahrt die Tasche sicher auf und legt das Geld brav zurück. Am Nachmittag erhält sie daraufhin eine dubiose SMS auf dem Handy der Blondine und befolgt eine folgenschwere Anweisung. Zuletzt erklingt erneut die Stimme der Protagonistin aus dem Off, die sich überlegt, was wohl geschehen wäre, wenn sie eine der anderen Möglichkeiten gewählt und demnach anders gehandelt hätte.

„Spiel mir das Lied vom Leben“ beleuchtete einen interessanten Aspekt zum letztjährigen Thema „Medienkonvergenz und Gaming“. Das Leben als eine Art Spiel zu sehen und jede noch so winzige Entscheidung, die wir Tag für Tag – Minute für Minute treffen, zu hinterfragen, war thematisch sehr aufregend. Wie in einem Spiel können wir auch im echten Leben nur aus einem kleinen Pool an Möglichkeiten unsere Handlungen wählen. Wer fühlt sich da nicht ab und an ferngesteuert oder abhängig in seinen Entscheidungen; fast als ob jemand oder eine höhere Macht einem Vorschriften erteilt? Zuletzt weisen „Digital Divide“ die Schuld der „bösen Medien“ allerdings zurück, da die neuen Medien zwar neue Möglichkeiten bieten und den Benutzer zu unmoralischen Taten verleiten können, doch der Mensch letztendlich immer noch selbst über sein Handeln entscheidet.

Dieser Film lebt von seiner wahnsinnig originellen Idee, die glücklicherweise gut umgesetzt wurde. Eine Mischung aus Faszination, Nachdenklichkeit und Spannung. Die einwandfreie Kameraführung und ein erstaunlich professionelles Sound Design runden einen beeindruckenden Film ab. Wäre der Siegerfilm „Der Anarchist“ von „Murat sein Benz“ nicht derart herausragend gewesen, hätte der Sieg eindeutig „Digital Divide“ gehört.

von Maya Morlock


Weitere Einblicke und eine kleine Bildergalerie der Tübinale 2015 findet ihr auf der Website der Universität Tübingen