Als Teil einer Lehrredaktion, bereitgestellt von den Masterstudenten der Medienwissenschaft, gibt es nun hier bei uns eine kleine Interview-Reihe, bezüglich des Themas Terror in Zeiten der digitalen Medien. Den Start macht das Interview mit Stephan Humer. Stephan Humer ist der Gründer des ersten deutschen Arbeitsbereichs „Internetsoziologie“. Er erforscht und erklärt die Digitalisierung mit Schwerpunkt auf Themengebieten wie Terrorismus, Extremismus und organisierter Kriminalität. Im folgenden Interview stellt er sich einigen Fragen unter anderem zur kürzlichen Entwicklung des Islamischen Staates und dessen Umgang mit digitalen Medien.

Herr Humer, Sie erforschen Terrorgruppen wie den IS und deren Umgang mit digitalen Medien. Inwiefern schafft es der IS digitale Medien für seine Zwecke zu nutzen und somit Angst und Schrecken zu verbreiten? Man rechnet, wenn man an Terroristen denkt, ja nicht unbedingt mit Marketingprofis.

Der IS arbeitet sehr professionell und nutzt die digitalen Medien sehr gezielt. Das war auch für mich neu. Sie sind in der Bandbreite der Möglichkeiten sehr gut aufgestellt, ob es sich nun um neue Websites, die Produktion von professionellen Videos, oder auch die Benutzung von Facebook zur Rekrutierung junger Menschen handelt. Durch diese Professionalität auf ganzer Linie war Schreckensverbreitung auf so vielen Ebenen möglich, wie nie zuvor. Das gab es in der Vergangenheit auch, aber nicht in diesem Maße. Die Terroridee des Islamischen Staates wurde so stark, wie nie zuvor in der Geschichte, digital transportiert und das ist der entscheidende Punkt im Vergleich zu anderen Terrorgruppen.

Letztes Jahr wurde ein Artikel von Ihnen im Focus veröffentlicht. Aus diesem geht hervor, dass Sie den IS eher als eine Marke oder ein Label sehen. Können Sie dies näher erläutern?

Der IS hat sehr auf ein dezentrales Agieren gesetzt. Man hat gesagt: „schreib IS auf deine Fahne, wer auch immer du bist.“ Also nach dem Motto: „wenn ihr Krieger im heiligen Krieg sein möchtet, lest unsere Anleitung, macht was immer ihr machen wollt und schreibt einfach IS darüber“. Das ist der neue Gedanke, welcher kaum mehr in den Griff zu bekommen ist. Es gibt dieses sogenannte Kalifat, aber jeder kann im Prinzip IS-Kämpfer werden. Das wiederum würde ich weniger als feste Struktur und mehr als eine Label-Idee interpretieren.

Nach einem Anschlag werden neue Informationen oft im Minutentakt über zahlreiche Kanäle an die Öffentlichkeit weitergegeben, obwohl die Informationen noch nicht hundertprozentig bestätigt worden sind. Werden dadurch neue Anschläge provoziert, weil sich mögliche neue Täter motivierter fühlen?

Ich glaube das hängt vom jeweiligen Setting ab. Es gibt viele klassische Studien zum Thema Selbstmord die gezeigt haben, dass es immer Nachahmer gab, wenn über Selbstmorde berichtet wurde. Statistisch wurde einige Wochen nach der Berichterstattung tatsächlich eine steigende Selbstmordrate festgestellt. Dieser Effekt wird Werther Effekt genannt. Ich glaube, dass das bei Terror Anschlägen vergleichbar ist. Ein Terrorist der sieht, wie ein anderer Anschlag funktioniert hat und was für eine Reichweite dieser einnimmt wird vielleicht so seine letzten Zweifel bei Seite legen und einen Anschlag durchführen. Diesen Effekt gibt es tatsächlich. Genau von Einzeltätern, die nicht direkt in einer Organisation sind und die sich zu einer Tat motivieren oder inspirieren lassen lebt der IS.

Wie sollten Medien ihrer Meinung nach mit dem Terror in der heutigen Zeit umgehen?

Sobald etwas Schlimmes passiert, sitzen die Medien eigentlich in der Zwickmühle. Während eines laufenden Attentats kann ich schwer sagen: „ich berichte jetzt nicht mehr und warte ab bis es zu Ende ist“. Zum Beispiel bei dem Amoklauf in München war es wichtig, die Menschen zu warnen. Das erste was ich immer empfohlen habe war, sich erst einmal mit diesem Mechanismus vertraut zu machen. Man sollte der Frage nachgehen: „was passiert eigentlich, wenn ein bestimmtes Szenario eintritt und wie kann man dagegenhalten?“ Die Ehrlichkeit der Medien spielt hierbei eine wichtige Rolle. Sollte beispielsweise noch nicht klar sein, wie viele Täter beteiligt waren, sollte es Aufgabe der Medien sein, mit dem Bericht zu warten, oder keine Live-Bilder zu zeigen, um die Menschen nicht zu erschrecken.

Wie genau sollten die Medien also reagieren?

Ich denke gegenüber dem Dargestellten sollten die Medien viel mehr versuchen, die Warnung in den Vordergrund zu stellen. Es geht darum, die Bevölkerung auf die Gefahren aufmerksam zu machen und nicht mit irgendwelchen unbestätigten Meldungen die Menschen in die Irre zu führen zu führen und in Angst zu versetzen. Man sagt sich dann: „die Terroristen wollen Aufregung aber wir schrauben das herunter und berichten das ganz ruhig und entspannt.“. Genau das hat der Pressesprecher der Münchner Polizei gemacht. Er ist während der ganzen Geschichte sehr ruhig geblieben. Er hat sachlich und präzise geantwortet und hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Damit hat er Panik vermieden und eben nicht zu dieser Befeuerung beigetragen. Beispiele wie dieses müsste es meines Erachtens viel öfter geben. Nur so kann man dem ganzen Ereignis den Wind aus den Segeln nehmen.

Von Philemon Schick, Robin Biesinger und Benedict Hoyer.