Als Teil einer Lehrredaktion, bereitgestellt von den Masterstudenten der Medienwissenschaft, gibt es nun hier bei uns eine kleine Interview-Reihe, bezüglich des Themas Terror in Zeiten der digitalen Medien. Weiter geht es nun mit einem Interview mit Literaturwissenschaftlerin Isabelle Holz.
Isabelle Holz beschäftigt sich in ihrem Promotionsprojekt mit den Themen Terrorismus und Terrorismusprävention. Unter anderem forscht sie zum RAF-Terrorismus der 1970er Jahre. Der Fokus auf die Literatur und die Einarbeitung in Bibliotheken von Terrorist/innen dienen dabei als neuer Zugang zum Thema Terrorismus. Obwohl Isabelle Holz betont, dass kein Terror vergleichbar ist, lassen sich ihrer Meinung nach aus dem Fall der RAF wichtige Schlüsse für einen neuen Umgang mit dem Phänomen Terrorismus ziehen.

Frau Holz, wie kann sich die Literaturwissenschaft zum Thema Terrorismus äußern?

Viele Texte der Weltliteratur sind soziologische Mikrostudien von Anti-Helden: also solcher Figuren, die erst in eine Entfremdung und dann in einen Konflikt mit der Welt geraten. Aus literarischen Texten können wir viel über die Mechanismen von Radikalisierungsprozessen lernen. Es steht außer Frage, dass Radikalisierungsprozesse auf verschiedenen Ebenen stattfinden und nicht unabhängig von sozioökonomischen und politischen Kontexten verlaufen. Die Literatur ist jedoch ein wichtiger Faktor in diesen Prozessen. Besonders am Beispiel der RAF zeigt sich, dass terroristische Hochsicherheitsabteilungen wie der 7. Stock in Stammheim immer auch grenzfiktionale Räume sind, die neben der historischen auch einer literarischen Analyse bedürfen. Als Literaturwissenschaftlerin würde ich so weit gehen zu behaupten, dass die Logik des Terrors eine vor allem emotionale ist. Und gerade diese Logik, die nicht selten auf die Fiktion als Legitimation verweist, können wir durch das Studieren eben dieser fiktionalen Texte offenlegen.

Der Radikalisierungsprozess der RAF fand – denkt man an die „Ausbildung“ der „zweiten Generation“ der RAF in Stammheim – hauptsächlich in der Isolation statt. Kann solch eine Isolation auch heute ein Hauptproblem bei Terrorgruppen sein?

Absolut. Der Kern der ersten RAF-Generation hat sich nach der Zusammenlegung 1974 in Stammheim – auch über die Bibliothek – in ein sowohl ideologisch als auch gruppendynamisch komplexes, handlungsfähiges Kollektiv transformiert. Auch die späteren Strategen des IS haben sich im Gefängnis „Camp Bucca“ im Irak radikalisiert. Die immer noch aktuelle Überzeugung, die Zentralisierung und Isolation ideologisch „ansteckender“ Gefangener in europäischen Gefängnissen könnte die Verbreitung radikaler Ideen unter den Gefangenen verhindern, ist schon damals bei der RAF gescheitert. Viel wichtiger wäre es, die Denk- und Emotionsräume, in denen Radikalisierungsprozesse nach wie vor stattfinden, auszuleuchten und zu verstehen.

Bietet somit die Literaturwissenschaft einen Lösungsansatz für den Umgang mit Terrorismus?

Terroristische Gruppierungen entwickeln eine eigene Sprache, die oftmals auf der Lektüre „gemeinsamer“ literarischer Texte aufbaut. Man muss sich auf die Sprache und die Schlüssel-Phantasien des Terrorismus einlassen, um die Handlungsmotive der jeweiligen Gruppierung nachvollziehen und darauf einwirken zu können. Die militärische Reaktion auf Terrorismus ist der Punkt, an dem die Phantasie bereits bittere Früchte trägt. Es gibt einen Zeitraum vor der Eskalation, in dem präventive Maßnahmen möglich und wirksam sind. Die Phantasien und Handlungsmotive von Terrorist/innen verstehen zu wollen bedeutet nicht, sich an der Inszenierung des Terrors zu beteiligen. Stattdessen geht es darum, destruktive Utopien und deren mythologischen und literarischen Nährboden zu erfassen, zu verstehen und andere Schlussfolgerungen und Wege anzubieten.

Von David Frey und Viviane Strittmatter.