Neben Neid und Missgunst muss man sich hin und wieder; oder auch öfter, eingestehen, dass andere einfach besser waren. Wer mit Fleiß, Engagement und technischem Know-How überzeugt, hat es einfach verdient, auf dem Siegerpodest ganz oben zu stehen. So ging es wohl fast allen Filmteams letztes Jahr, die vor „Der Anarchist“ von „Murat sein Benz“ anerkennend den Hut zogen.

Der Film, hinter dem augenscheinlich einiges an Arbeit steckt, ist beinahe so perfekt, dass so manch ein Kommilitone Filmstudenten im Team vermutete. Ein Blick hinter die Kulissen soll mit Vorurteilen aufräumen und den Konkurrenten die Augen öffnen.

"Der Anarchist"

„Der Anarchist“

Ich selbst war letztes Jahr ebenfalls ein solcher Konkurrent und musste im Nachhinein, auch bei meinem üblichen Ehrgeiz, einen Mangel an Engagement im Vergleich zu „Murat sein Benz“ feststellen. Es ist wahr, dass Julien bereits ein Studium abgeschlossen hat, doch auch er hatte noch keinen schwarz-weiß-Film produziert oder generell gelernt, wie Filme zu drehen sind. Er und seine Kolleginnen Yasemin und Valérie hatten einen bestimmten Stil vor Augen, den des Film Noir. Um einen solchen Stil neu aufleben zu lassen ist einiges an Vorarbeit zu leisten. Beim Wort „Recherche“  verdrehen jedoch die meisten Studenten die Augen – zu trocken und langweilig ist sie, lieber wollen sie direkt durchstarten und ungebündelt ihre Kreativität fließen lassen! Und dort liegt der Hund begraben: Die Attitude „Das wird schon werden“ erspart Arbeit, doch führt schlussendlich zu Chaos und der Erkenntnis „Das hätte ich mit Vorarbeit besser machen können“. Julien schaute sich also akribisch an, wie die Kameraeinstellungen und das Lichtspiel im Film Noir aussehen, und setzte dies in penibler Detailarbeit am Set um. Man muss „Film Noir“ oder auch andere Genres wie „Action“ oder „Komödie“ erst verstehen, bevor man sie dreht.

Das Ziel war schlichtweg einen guten Film zu drehen, und nicht einfach nur einer Klausur zu entkommen. Viel Liebe zum Detail erkennt man deshalb auch im Sprechertext. Dort feilte Yasemin Said an jedem einzelnen Satz. Valérie erzählt, dass der Text sehr bildhaft, prägnant und schonungslos sein sollte. Melodiös – nahezu poetisch. Erst beim Zusammenfügen erkannte sie Yasemins Intention und war froh über deren Durchsetzungsvermögen in dieser Hinsicht.

Die gesamte Produktion war so detailgenau wie nur möglich durchdacht: Shotlisten und Einstellungen wurden dokumentiert und das Ausleihen des Equipments exakt geplant. Eine Vielzahl an Schauspielern sowie ein professioneller Sprecher wurden angeschrieben und gesucht. Es sind viele Kleinigkeiten, die in der Summe jedoch ein vollständiges Puzzle ergeben, das „Der Anarchist“ derart professionell macht.

"Der Anarchist"

„Der Anarchist“

Doch natürlich hat auch „Murat sein Benz“ Fehler gemacht. Es gibt Dinge, die den Studenten in Zukunft nicht mehr passieren würden. „Es gab zu wenige Plan Bs“, erzählt Julien, und meint damit beispielsweise die lange Suche nach einem geeigneten Sprecher, welche schlussendlich an der fehlenden Zeit scheiterte. So musste Julien selbst den Text notgedrungen in der letzten Nacht einsprechen. Auch eine Szene, die auf dem Tübinger Schlachthof gedreht wurde, war durch den ohrenbetäubenden Lärm eines Stromaggregats zum Scheitern verurteilt – „Murat ein Benz“ hatte zudem keine Drehgenehmigung, ein Anruf der Anwohner bei der Polizei hätte den Drehschluss bedeutet! „Im Nachhinein hätte ich mir gerne für einige Szenen mehr Zeit gelassen“, sagt Julien rückblickend auf einige Film Noir Szenen, deren Drehzeit unter anderem durch einen Nachtwächter verkürzt wurde. Man muss einfach noch mehr und genauer planen und wirklich jede Wendung im Blick haben, die auftreten könnte.

Es zeigt sich, auch bei „Murat sein Benz“ lief es nicht wie geschmiert. „Wir waren ja auch noch kein eingespieltes Team“, meint Valérie. Doch das Fazit dieses Textes soll keine Abschreckung, sondern vielmehr die Lust auf etwas Herausragendes sein, selbst wenn dies im Umkehrschluss auch Arbeit bedeutet. Engagement ist der Schlüssel, der jede Tür der Unwissenheit öffnen kann – der aus einem Laien den Experten macht.

Hört auf, das Können der Sieger nur anzuerkennen, packt es an und sagt euch: „Ich kann und will das auch!“ Als Inspiration und zum Nachvollziehen des Engagements von „Murat sein Benz“ hier erneut „Der Anarchist“:

von Maya Morlock