Vor vier Jahren ging der Vorhang für die Kurzfilme der Tübinger Medienwissenschaftler zum ersten Mal auf. Um die 20 Filme wurden eingereicht und von einer fachkundigen Jury bewertet. Leider wurden die Filme damals noch nicht systematisch archiviert. Wir sind deshalb umso glücklicher, zumindest den Siegerfilm „Matjoschka“ von Berkan Cakir wiedergefunden zu haben!

Das damalige Thema der Filme lautete „Medienkonvergenz“. Es sollte demnach die Annäherung verschiedener Einzelmedien thematisiert werden. Cakir reichte gleich zwei Filme ein: Im ersten Film „Der Schwarm“ befragt er Bekannte und Freunde, was denn Medienkonvergenz eigentlich sei. Lustige bis etwas perplexe Kommentare waren das Resultat. Auf seine Frage „Du musst mir jetzt sagen, was Medienkonvergenz bedeutet“, meinten die Freunde etwas verdutzt: „Das weiß ich nicht Mann! (Lacht) Was ist das? Das ist zu hoch für mich, ja Medien halt – Fernsehen“ oder auch „Ist das irgendwas mit Rundfunk?“ Zugegeben, Medienkonvergenz ist wohl keine allzu bekannte Vokabel, aber zum Schmunzeln brachten solche Aussagen die Gäste allemal!


Den Sieg konnte Cakir jedoch mit seinem zweiten Film ergattern. Matrjoschka zeichnet sich durch seine unkonventionelle Idee und Ästhetik aus. Die künstlerische Ader und der Spielraum für Interpretationen verwirren anfangs, hinterlassen aber vor allem bei mehrmaligem Anschauen das Gefühl, etwas sehr Durchdachtes rezipiert zu haben.

Am Anfang stapft ein Urzeitmensch durch schneebedeckte Wälder, Zotteln fallen ihm ins Gesicht. Plötzlich entdeckt er das Feuer, eine Errungenschaft der Menschheit. Es erklingt das bekannte Orchesterstück Bolero von Ravel, welches ursprünglich als Ballett gedacht war. Die marschartige Musik leitet in ein modernes Wohnzimmer über, in dem ein Paar sich mit gängigen Medien, dem Handy und einem Reclam-Buch, beschäftigt.

Auf einmal wechselt der zuvor nebenbei laufende Fernseher sein Programm und zieht das Paar in seinen Bann.

I said that the effect of TV, the message of TV, is quite independent of the program. There is a huge technology involved of TV which surrounds you, physically. And the effect of that huge service environment, on you personally, is balanced. The effect of the program is incidental.

Das sagt ein Nachrichtensprecher über die Wirkung und den Einfluss des Fernsehens. Es folgt ein Zusammenschnitt aus Fernsehnachrichten, die Bombenangriffe, Politiker, Sportereignisse oder auch den Zusammensturz des World Trade Centers beim Terroranschlag 2001 zeigen. Gefesselt sitzt das Paar vor dem Bildschirm. Prägnante Montagen passend zum Schlagwerk des Orchesters unterstreichen die Wirkung der Szene. Die immer schneller wechselnden Schnitte zwischen dem Feuer, dem Pärchen und einer neuen Szene im Kino verdeutlichen eindrucksvoll das Ausmaß, welches Medienkonvergenz in den letzten Jahren angenommen hat.

Ein sehr künstlerischer Film, dem ich keine Interpretation vorschreiben möchte. Seht ihn euch einfach selbst an und seid gespannt auf eine Fülle von Assoziationen und eventuell auch einige Fragezeichen, die über euren Köpfen schweben werden.

von Maya Morlock

Hinweis: Aufgrund urheberrechtlicher Schwierigkeiten mussten wir leider einen Teil des Films stumm schalten.


Weitere Einblicke und eine kleine Bildergalerie der Tübinale 2012 findet ihr auf der Website der Universität Tübingen