Aufwendiger als in diesem Jahr wurde die Tübinale wahrscheinlich selten beworben. Bei einer Promoveranstaltung für das Filmfestival traf im Rahmen der Tübinger Kulturnacht Mittelalter-Kulisse auf Hochtechnologie – was natürlich zu Komplikationen führte. Außerdem dürfte es das erste Mal in der Menschheitsgeschichte vorgekommen sein, dass es in einem Raum voller Münzen nichts zu kaufen gab. Ein paar Eindrücke und Zeitsprünge.

Es ist zwar nicht dunkel, doch die Leinwand hebt sich deutlich vom Rest des Raumes ab. Inmitten der Glaskästen, der jahrhundertealten Exponate und der Besucher, die angesichts der sakralen Aura des Vergangenen, die das Museum der Universität im Schloss Hohentübingen (MUT) umgibt, in andächtiges Schweigen verfallen sind, wirkt sie seltsam fehl am Platz. Ein Beamer bewirft sie mit Bildern. Szenen des Alltags huschen über das Papier, setzen sich in Augenwinkeln fest, bringen Hälse zum Drehen und reißen Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Als dann auch noch die Star Wars Titelmelodie erklingt, ist klar: Die Vergangenheit muss warten. In immer enger werdenden Kreisen schleichen die Kulturinteressierten, die noch nicht wissen, wie ihnen geschieht, um die laut tönende Bildtafel, bis der kleinste unter ihnen sich ein spontanes Urteil erlaubt: „Oh ja, Filme!“, ruft er entzückt und zerrt seinen noch unentschlossenen Kumpel auf eines der Sitzkissen. „Die machen immer Spaß!“

Schauen wir ein paar Wochen zurück. Am verregneten Vormittag des 8. Februar treffe ich mich mit Francisca, Anna und Viven von der Public Relations/Sponsoring Gruppe der Tübinale. Sie haben die Aufgabe, das studentische Filmfestival auch außerhalb der Universitätsgrenzen bekannt zu machen – und nebenbei möglichst viele Firmen, Verbände und Institutionen ins Boot zu holen, die sich an den Werbemaßnahmen oder der Finanzierung beteiligen möchten. In dieser Mission sind sie heute zur Geschäftsstelle des MUT unterwegs, wo sie einen Termin mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Frank Duerr vereinbart haben. „Es geht um eine Promoveranstaltung, das Museum hat vielleicht Räumlichkeiten für uns“, brieft mich Anna bevor wir das Gebäude betreten. Alles Weitere soll jetzt verhandelt werden.

Will irgendjemand Tee?“, fragt Herr Duerr in die Runde. Wir sitzen in einem kleinen Raum auf eigens dafür angekarrten Stühlen und sind froh, das richtige Büro gefunden zu haben, froh, dem Regen entkommen zu sein. Niemand möchte Tee. Herr Duerr nimmt uns gegenüber Platz, flankiert von Jörg Josef Götze, der am MUT gerade sein Volontariat absolviert. Beide sind jung, wirken motiviert, aufgeschlossen, ja fast schon gespannt darauf, was gleich kommen wird. „So, dann erzählt doch mal worum es geht.“

So ein Filmfestival kostet Geld. Traditionell kommt dieses Geld aus drei Quellen: Es gibt einen Träger, der die Veranstaltung (vor-)finanziert, Sponsoren, die zu PR-Zwecken etwas zuschießen und natürlich die Besucher, die einen gewissen Eintrittspreis zahlen müssen, um in den Genuss dieser meist exklusiven Happenings zu kommen. Dabei gilt die Faustregel: Umso kleiner das Festival, umso stärker fallen die Zuschauerzahlen ins Gewicht. Oft entscheidet die Anzahl der verkauften Tickets sogar über den Fortbestand eines Events, weshalb es sinnvoll ist, im Vorfeld ordentlich die Werbetrommel dafür zu rühren. „Wir möchten ein paar Filme aus den Vorjahren zeigen und den Leuten die Möglichkeit geben, Karten zu kaufen“, fasst Francisca die Idee der Gruppe zusammen. Dafür bräuchte es lediglich eine Leinwand, einen Beamer und Sitzmöglichkeiten. „Außerdem gibt es noch eine andere Gruppe, die eine Ausstellung zur Geschichte der Tübinale vorbereitet“, wirft Viven ein. „Die könnten dann den Raum gestalten.“ Frank Duerr, der sich die ganze Zeit über Notizen gemacht hat, lässt den Stift ruhen und setzt zum Monolog an.

Also Platz dafür hätten wir“, beginnt er seine Ausführungen. Seit einiger Zeit versuche das MUT, die hauseigenen (schlosseigenen?) Räumlichkeiten gezielt zweckzuentfremden, um nicht länger nur als Hort für Historisches, sondern vielmehr als Ort der Kultur wahrgenommen zu werden. „Wir hatten beispielsweise schon Tanzperformances im Rittersaal“, berichtet sein Kollege. Es spräche also nichts dagegen, ein paar Kurzfilme zu zeigen, um eine lokale Veranstaltung zu promoten. Einen Termin dafür haben die beiden auch schon ins Auge gefasst: Die sechste Tübinger Kulturnacht am 7. Mai.

Kulturschaffende aller Couleur schicken sich an, eine Nacht lang die vielen Facetten aufzuzeigen, die das Tübinger Kulturleben für die Besucher zu bieten hat. Eine wunderbare Gelegenheit sich von der Kunst in der Stadt bewegen zu lassen.“ Unter diesem Motto stand die erste Tübinger Kulturnacht vom 12. Mai 2007. Aus der Taufe gehoben wurde die Veranstaltung vom ein Jahr zuvor gegründeten Verein „Kulturnetz Tübingen“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein ebensolches in der Stadt zu etablieren. Den Mitgliedern dieses Fördervereins war klar, dass es mit einem Mal nicht getan sein würde – und auch Oberbürgermeister Boris Palmer wusste: „Eine Nacht reicht nicht aus, um das alles anzuschauen und anzuhören. Aber ich bin optimistisch: Der ersten Kulturnacht werden weitere folgen.“

Frank Duerr ist jetzt nicht mehr zu bremsen. Er erzählt von den Plänen, die das MUT für die Kulturnacht hat, von einer Cocktailbar und Südsee-Tattoos, von exotischen Tänzen und fremden Kulturen. Wie die Tübinale da hineinpasst, ist, wenn ich so in die Gesichter meiner Tischnachbarinnen schaue, nicht nur mir unklar. „Euch bringen wir im Fünfeck-Turm unter, bei den alten Münzen“, beantwortet Duerr die nicht ausgesprochene Frage zumindest dem Wortsinn nach. „Wir nehmen euch mit auf die Plakate, auf die Website und geben eine Pressemeldung raus. Dafür bräuchte ich einen kurzen Text von euch, indem ihr beschreibt, was ihr vorhabt. Am besten bis zum Ende des Monats.“ Als wir das Büro verlassen, scheint bereit alles in trockenen Tüchern zu sein. Die Gruppe muss sich jetzt an die Pressemitteilung setzen, den Fünfeck-Turm begutachten und die Kollegen, deren Ausstellung sie gerade die nötigen Räumlichkeiten verschafft haben, über die neusten Entwicklungen in Kenntnis setzen. Einen Tag vor der Kulturnacht müssen dann alle Gerätschaften und Exponate auf den Schlossberg gehievt werden, aber daran will jetzt noch niemand denken. „Das kriegen wir dann schon irgendwie organisiert.“

Zurück im Hier und Jetzt. Vivien, Francisca und Marius sitzen an einem kleinen Tisch neben der Leinwand, auf der immer wieder die vier gleichen Kurzfilme zu sehen sind. „Wir haben einfach die Beiträge mitgebracht von denen wir dachten, dass sie einen auch nach der zwanzigsten Wiederholung noch nicht nerven“, erklärt Marius, der ebenfalls zur PR/Sponsoring Gruppe der Tübinale gehört, die Auswahl. Das sind dem Namen nach Der Anarchist, Underdog, Spiel mir das Lied vom Leben – und natürlich der Beitrag mit der Star Wars Titelmelodie:

Die Endlosschliefe scheint jedoch das Einzige zu sein, was an diesem Abend im Fünfeck-Turm rund läuft. Von der versprochenen Ausstellung ist beispielsweise weit und breit nichts zu sehen, es sei denn, man hätte sich für Münzen und Töpferkunst als Exponate entschieden. „Da gab es ein Missverständnis mit dem MUT“, sagt Marius. Man habe kurzfristig doch keinen Platz mehr für eine zweite Gruppe gehabt. „Der ganze Aufbau war einfach extrem stressig.“ Und jetzt, wo alles steht, hören die Sorgen trotzdem nicht auf. „Das ist unser erfolgreichstes Promoevent bisher. Für die meisten Besucher ist es einfach mal was anderes als alte Vasen, aber viele Leute zeigen auch ernsthaftes Interesse am Festival, fragen nach, was wir da genau machen – doch am Ende gehen sie oft irritiert oder enttäuscht wieder weg“, beklagt Marius die Situation. Der Grund dafür: Die Tübinale ist bereits seit einigen Tagen restlos ausverkauft. Die drei bewerben also den ganzen Abend über ein Produkt, dass es nicht mehr zu kaufen gibt.

Gegen 21 Uhr ist es leer geworden im provisorischen Kinosaal. Der letzte noch verbliebene Zuschauer wird von seiner Mutter unter leisen Protest weggeschleift, die Gruppe seufzt. „Wir müssen noch bis um eins hier sitzen“, sagt Francisca. Aber gerade als die Stimmung zu kippen droht, gerade, als die drei sich die Sinnfrage stellen wollen, kommt der nächste Besucher. Halbglatze, Spiegelreflexkamera, Euphorie. „Sind das Kurzfilme?“ – seine Stimme überschlägt sich fast. „Organisiert ihr das?“ – jetzt hat sie sich wirklich überschlagen. Der Mann kommt von tuepps, einer lokalen Nachrichtenseite mit Veranstaltungsschwerpunkt, und möchte unbedingt ein Foto von Vivien, Francisca und Marius machen. Sie sollen sogar ganz klassisch „cheese“ sagen. Mit einem strahlenden Gesicht und einigen Schnappschüssen im Gepäck, zieht der sympathische, vergleichsweise übermotivierte Fotograf von dannen. Doch vorher spielt sich noch folgender Dialog ab, der den ganzen Abend besser zusammenfasst, als es diese knapp 1300 Wörter je vermocht hätten.

Viel Erfolg dann!“
Ja, Danke. Ist schon ausverkauft.“
Aah.“ Pause. Stirnrunzeln. Lächeln. „Super!“

von Alexander Roth